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Bosnien-Herzegowina

Im Dezember 2022 hat Bosnien und Herzegowina offiziell den Status eines Beitrittskandidaten zur Europäischen Union erlangt, im März 2024 einigten sich die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union darauf, Verhandlungen über den Beitritt aufzunehmen. Allerdings muss das Land bis zum tatsächlichen Beginn von Verhandlungen zahlreiche Reformauflagen erfüllen.
In Bezug auf geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen gibt es in Bosnien und Herzegowina erhebliche Defizite. Unter anderem mangelt es an Schutz für Gewaltbetroffene und Strafverfolgung von Tätern. Kostenlose Rechtshilfe und Vertretung vor Gericht für Betroffene von geschlechtsspezifischer Gewalt sind begrenzt und schwer zu bekommen - in der Praxis füllen nur zivilgesellschaftliche Organisationen diese Lücke.

Auch was die Vertretung in der Politik angeht, stehen Frauen vor erheblichen Herausforderungen. 2023 hatten fünf Frauen in Bosnien und Herzegowina das Amt einer Bürgermeisterin inne, was bei insgesamt 141 Bürgermeistern einer Vertretung von 3,5% entspricht. Der Anteil der Frauen, die in das Repräsentantenhaus des Parlaments gewählt wurden, ist von 21% im Jahr 2018 auf etwa 17% im Jahr 2022 gesunken. Frauen aus marginalisierten Gemeinschaften sind in Bosnien und Herzegowina sowohl im Parlament als auch im Ministerkabinett nicht vertreten. Frauen mit Behinderungen sind zusätzlich schädlichen Narrativen ausgesetzt, wie ein Beispiel zeigt: Während der Sitzung der Nationalversammlung der Republika Srpska sprach die Vertreterin von Bosnien und Herzegowina über ein Gesetz zu Transport und Strassenverkehr. Während sie über die Fortbewegung von Menschen mit Behinderungen sprach, unterbrach sie ein Abgeordneter und forderte sie unter anderem auf, «aufzustehen und zu sprechen», obwohl ihm bekannt ist, dass sie einen orthopädischen Rollstuhl benutzt.

Die Herausforderungen bezüglich des Zugangs zu Kinderbetreuung und Mutterschaftsurlaub sind hoch. Frauen müssen unverhältnismässig viel Zeit für die Betreuung von Familienmitgliedern aufwenden. Die begrenzte Anzahl von Betreuungsplätzen zwingt Frauen praktisch dazu, der Kinderbetreuung Vorrang vor der Erwerbstätigkeit einzuräumen. Nach Angaben der Weltbank liegt die Erwerbsquote der Frauen in Bosnien und Herzegowina bei 41%, die der Männer bei 59.9%.
Die Arbeit der Institutionen, die für die Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt zuständig sind, ist unvollständig und uneinheitlich. Eine umfassende Datenbank zu geschlechtsspezifischer Gewalt fehlt. Sie wäre wichtig, um Betroffene besser zu schützen, faktenbasierte politische Entscheidungen zu treffen und zur Sensibilisierung beizutragen.
Frauenhäuser sehen sich weiterhin mit Finanzierungsproblemen konfrontiert, die zu Schliessungen führen. Der abscheuliche Femizid in Gradačac (Bosnien), bei dem die Quälerei, die Schläge und die brutale Hinrichtung einer Frau live in sozialen Netzwerken übertragen wurden, erschütterte Bosnien und Herzegowina im August 2023 zutiefst und führte zu Protesten im ganzen Land. Es war einer von 11 Feminiziden innert eines Jahres. Der Vorfall macht deutlich, dass Frauen nach wie vor sehr gefährdet sind und dass ein solider rechtlicher und sozialer Rahmen notwendig ist, der solche Verbrechen nicht nur ahndet, sondern auch proaktiv verhindert.

Bosnien

Projekte

Wirtschaftliches Empowerment für gewaltbetroffene Frauen
Das Projekt unserer Partnerorganisation Buducnost in Modriča zielt darauf ab, die wirtschaftlichen Möglichkeiten und die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen zu verbessern. Zielgruppe sind Frauen in fünf bosnischen Gemeinden, die genderbasierte Gewalt erlebt haben. Das Projekt bietet Schulungen, kleine monetäre Zuschüsse und Mentoring, um die Autonomie der Frauen zu stärken. In drei Schulungen lernten 80 Frauen, auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Geschäftspläne zu entwickeln. Darüber hinaus erhielten 36 Frauen Unterstützung durch Mentoring. Zudem bietet das Projekt rechtliche und psychologische Beratung. Allein seit Juli 2023 erhielten 63 Frauen psychologischen oder rechtlichen Beistand, 67 Gerichtsverfahren wurden eingeleitet. Zu den Erfolgen zählte ausserdem eine verstärkte Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Soziale Arbeit. Das Projekt erleichterte die Vernetzung und führte zu Absichtserklärungen, in denen die lokalen Behörden ihr Engagement für die wirtschaftliche Teilhabe von Frauen darlegten. Dieses Projekt ist für die Gleichstellung der Geschlechter, die Armutsbekämpfung und das Wirtschaftswachstum von entscheidender Bedeutung und zielt primär auf das Empowerment von gewaltbetroffenen Frauen ab.

Projektkosten*: CHF 111'000.–

Bosnien Wirtschaftliches Empowerment für gewaltbetroffene Frauen

Gewaltprävention mit Männern
Das Projekt «Men's Center Modriča» bietet Beratung und Therapie für Täter häuslicher Gewalt an. Das Zentrum agiert in einem schwierigen Umfeld: Zivilgesellschaftliche Organisationen sind in Bosnien und Herzegowina mit politischen, sozialen und finanziellen Hindernissen konfrontiert. Trotzdem hat das Projekt seine Ziele erreicht. Über 130 Männer nahmen psychosoziale Behandlung in Anspruch, 70% von ihnen schlossen freiwillig den vollständigen Beratungszyklus ab.  Die psychosoziale Behandlung von Tätern zielt darauf ab, missbräuchliches Verhalten zu ändern, Verantwortlichkeit zu fördern, zugrundeliegende Probleme wie beispielsweise Traumata anzugehen und Frauen vor weiterer Gewalt zu schützen.  Im vergangenen Jahr wurden im Männerzentrum über 470 Anrufe registriert. Oft war das Info-Telefon die erste Anlaufstelle, vor der Weiterverweisung an eine psychologische, soziale oder rechtliche Beratung im Männerzentrum oder einer anderen Einrichtung. Meist ging es bei den Anfragen um Emotionen wie Angst, Furcht, Wut, Unsicherheit und Hass, mit denen die Männer nicht umzugehen wussten und deshalb Hilfe suchten.  Eine weitere Säule der Arbeit des Männerzentrums ist die geschlechtertransformative Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen in ländlichen Gebieten. 2023 wurden 48 Workshops mit über 300 Teilnehmer*innen durchgeführt.

Projektkosten*: CHF 114'000.–

Bosnien Gewaltprävention mit Männern

Gesundheit und Rechte für marginalisierte Kinder
Unsere Partnerorganisation «Zemlja Djece» führt in Tuzla ein Zentrum für Kinder, die auf der Strasse leben oder aus marginalisierten Familien kommen. Im Bereich Bildung übertraf Zemlja Djece die Zielvorgaben: 2023 wurden 170 Kinder und 78 Eltern unterstützt. Alle unterstützten Kinder konnten die besuchte Klasse erfolgreich abschliessen und in das neue Schuljahr eintreten. 70 von ihnen haben ihre schulischen Leistungen verbessert. Dieser Erfolg war Teil einer umfassenderen Initiative, die sich auf Bildung, Gesundheit und Schutz für Kinder konzentrierte und die Gefahren der Ausbeutung auf der Strasse und der Frühverheiratung hervorhob. Zudem erhielten 163 Kinder Unterstützung bei der Wahrung ihrer Grundrechte, 287 Kinder und 100 Familien erhielten humanitäre Hilfe, 165 Schulkinder wurden mit Schulmaterialien versorgt.
Fortgeführt wurden die «Be a Man Clubs». In diesen Clubs binden Jugendliche Gleichaltrige in Diskussionen und andere Aktivitäten ein. Diese zielen darauf ab, schädliche Stereotypen zu hinterfragen und Themen wie Gleichstellung der Geschlechter und Gewaltprävention anzusprechen. Die Clubs erreichten über 140 Schüler*innen in 39 Workshops und erhielten eine nationale Auszeichnung für ihren Dokumentarfilm über die Prävention von Gewalt durch Gleichaltrige. Darüber hinaus wurden 312 Personen in ländlichen Gemeinden durch mobile Beratungsdienste zu den Themen sexuelle Gesundheit und reproduktive Rechte sowie geschlechtsspezifische Gewalt betreut. In 19 Gemeinden wurden 450 Fachleute geschult, um die Unterstützung für Opfer von Menschenhandel zu verbessern. Die Zusammenarbeit mit 80 Entscheidungsträger*innen führte zu Gesetzesänderungen im Bereich des Kinderschutzes.

Projektkosten*: CHF 89'000.–

Bosnien Gesundheit und Rechte für marginalisierte Kinder

Humanitäre Hilfe für Minderjährige, Frauen und gefährdete Personen
Das Projekt zielt darauf ab, die Belastbarkeit und das Wohlergehen von Menschen auf der Flucht im Transit in Tuzla zu verbessern, indem gefährdete Personen mit wichtigen Gütern und Dienstleistungen versorgt werden. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Mädchen und Frauen. Die Projektdynamik wurde an die schwankende Zahl der Menschen auf der Flucht angepasst. 2023 unterstützte das mobile Team unserer Partnerorganisation Zemlja Djece 2074 Personen (276 Frauen, 1798 Männer, darunter 482 Kinder) und verteilte Gutscheine zur Deckung der Grundbedürfnisse an zwei Standorten in Tuzla und Sarajewo. Darüber hinaus beteiligte sich das Team aktiv an allen Koordinierungsaktivitäten mit anderen lokalen und internationalen Nichtregierungsorganisationen, welche migrierende Menschen unterstützen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Kindern, Jugendlichen, Frauen und Familien. Das Team arbeitet eng mit einer Einrichtung zusammen, die Kindern aus Familien von Vertriebenen hilft und ihnen bei Bedarf medizinische Versorgung zukommen lässt.

Projektkosten*: CHF 140'000.–

Bosnien Humanitäre Hilfe für Minderjährige, Frauen und gefährdete Personen

*Kofinanzierung DEZA

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